"… ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Franz Kafka, 1904

Von dem oder der Algarve, Prosa mit 82 farbigen Abbildungen, Pop Verlag

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Leseproben:

Viele Häuser an der Algarve sind sehr schlicht, um nicht zu sagen ärmlich. Doch hier beherrscht man den Umgang mit Farbe. Und so werden aus billigen Baracken leuchtende Kleinodien. Wie unnachahmlich zum Beispiel dieses Rosa, an dem viele mitgearbeitet haben: der Wind, die Gischt, der seltene Regen. Und nicht zu vergessen die unbarmherzige Sonne, von einem Heiligen einst seltsamerweise Bruder genannt.
Doch die Lieblingshäuserfarbe der Algarvios ist wohl das schlichte Blau, das pessoas in den Wahnsinn treiben kann, so sehr, dass sie den Himmel signieren.

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Die Frauen von Carrapateira sind keine Prinzessinnen. Elisabeth beispielsweise arbeitet im Lebensmittelladen. Sie ist ein junges, kräftiges Ding. Meistens schaut sie sehr ernst, während sie Brot und Käse in blaue Plastiktüten steckt. Man könnte es auch mürrisch nennen, wenn man nicht den wohlwollenden Blick der Reisenden hätte. Nie zeigt sie, dass sie uns wiedererkennt. Genau wie die Wirtin des Marktcafés. Deren Frida-Kahlo-Augenbrauen sind meistens kritisch zusammengezogen, wenn wir einen Galão und einen Café duplo bestellen. Nichts weist darauf hin, dass sie uns als Gäste zu schätzen weiß. Und auch die alten Frauen mit den schmalkrempigen Strohhüten, die uns im Dorf begegnen, setzen kein freundliches Gesicht auf. Frauen lächeln hier anscheinend selten. „Putas 100 m“, hat jemand auf eine Hauswand geschmiert, und wir denken uns unseren Teil.

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Kühe und Locken drehen
Kritik auf Echo-Online
Kritik auf fixpoetry.com

Kühe Umschlag

Leseproben:

Auf der Couch

Sie sitzt auf der Couch. Die Kissen liegen auf der Couch. Er trägt einen Hammer und einen Nagel an der Couch vorbei. Die Kissen sind weich. Sie legt den Kopf auf die Kissen. Er schlägt den Nagel in die Wand neben der Couch. Sie legt die Beine auf die Couch. Er trägt ein Bild an der Couch vorbei. Sie schließt die Augen. Er hängt das Bild an den Nagel. Sie sieht mit geschlossenen Augen das Bild. Er schaut zuerst das Bild an und dann seine schlafende Frau. Dann geht er auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Sie geht auf Zehenspitzen in das Bild zurück.

Lachen

Lass uns mehr lachen, sagt die Frau. Worüber, fragt der Mann. Mann und Frau legen sich in ein Bett. Das Bett ist aus einem Roman. Keiner von beiden weiß, aus welchem Roman das Bett sein könnte. Ich wollte, es wäre ein fröhlicher, sagt die Frau. Der Mann sucht den Roman im Kopf. Die Frau sucht den Roman im Bett. Es könnte eine Kurzgeschichte sein, sagt der Mann. Auf der Bettkante sitzt die Katze. Die Katze ist aus dem Leben. Katzen sind humorlos, sagt die Frau. Die Katze sieht die Frau an. Die Katze kann nicht lachen. Um zu lachen, braucht man Sprechwerkzeuge, sagt der Mann zur Frau. Die Katze versucht es mit Schnurren. Schnurren ist das Lächeln der Katzen, sagt die Frau zum Mann. Mann und Frau versuchen den ganzen Abend zu schnurren. Die Katze versucht den ganzen Abend zu lachen.

Ursula Teicher-Maier. Kühe und Locken drehen. Ludwigsburg (Pop-Verlag) 2015. 136 S., 14,50 €. ISBN 978-3-86356-106-2

Schreiben ist leicht. Man muss nur die falschen Wörter weglassen, sagt Markt Twain auf der Seite 6. Und spätestens hier, bevor die Miniprosa-Stücke beginnen, ist der/die Leser/in verblüfft. Geschichten entstehen im Auge. Na, das kann ja heiter werden. Und schon geht es los. Mann und Frau, die in einem Bett liegen, das aus einem Roman ist. Und was will die Frau? Mehr lachen. Und auf der Bettkante? Da sitzt eine Katze. Die kann nicht lachen, sagt der Mann. Die braucht Sprechwerkzeuge, um zu lachen, sagt der Mann. Falsch geraten, sagt nicht die Frau. Denn die Katze schnurrt, also lacht sie. Und Mann und Frau schnurren den ganzen Abend, die Katze versucht zu lachen.
Wer an dieser Stelle noch rätselt, der stürzt sich sofort in den nächsten Text: die Fete. Frau und Mann wollen sich vergnügen. Fete heißt Fest, sagt der prinzipienfeste Mann. Sie sagt danser, er sagt tanzen und begibt sich aufs Klo. Denn tanzen ist denken im kleineren Raum, brummelt der Mann. Doch das Badezimmer dehnt sich aus. Und das Klopapier verwandelt sich in eine Fahne der Unendlichkeit. Und die Frau?
Noch eine Mini-Seance über Mann und Frau? Aber ja. Das Netz ist, wenn es nicht gehackt wird, ein wunderbares elektronisches, naja, wir wissen es schon. Und für die Frau? Das Netz ist nichts für kleine Fische, sagt der Mann, der in einem Buch liest. Und wie geht das Duell um das höhere Wissen aus? Falsch gefragt! Der Mann sucht nach Ziesel, Wiesel, Dusel und Muh im Buch, die Frau hat ihr Notebook zugemacht. Man müsse nicht alles wissen, sagt sie.
Und jetzt erwarten Sie von dem Rezensenten, dass er klugschwätzt. Der sitzt aber längst selbst auf der Couch. Schaut zu, wie der Mann einen Hammer und einen Nagel an ihm vorbeiträgt, um ein Bild an der Wand zu befestigen. Und die Frau? Die hat die Beine auf die Couch gelegt, die Augen geschlossen. Und der Mann? Der verlässt auf Zehenspitzen mit einem Blick auf die Frau das Zimmer. Und der Rezensent? Er begibt sich mit der Frau auf Zehenspitzen ins Bild.
Höchste Zeit über das Verhältnis der alltäglichen toten und lebendigen Gegenstände zu ihren Benutzern zu reden. Da klingelt das Handy des Mannes und die Katze hält ihr Ohr an das Gerät. Und sie weiß wie der Mann, dass die Stimme der Frau wie ein Stein klingt. Komisch oder? Und zu Weihnachten gehen Frau und Mann mit ihren Engeln ins Bett. Sie wissen, dass die Engel ihnen schweigend Antworten geben, auf Fragen, die sie ihnen nicht gestellt haben.
Glücklicherweise drehen jetzt Kühe die Locken oder auch umgekehrt. Wir sind in der Mitte des Bandes angekommen. Der Mann ist verschwunden, und die Frau bewältigt alleine das Leben. Zumindest solange, wie die Kühe ihre Locken drehen und solange die Frau im Süden mit der Frau im Norden redet. Und was macht die Frau? Sie denkt zwischen zwei Löwenköpfen; sie sammelt Rosenblätter auf, legt sie in einen Korb, der atmet, weil er eine Arche geworden ist, in der die Zeit Wellen schlägt; sie atmet ein und aus, während sie in dem kleinen Prinzen liest und der Staub im Bücherregal und im Zimmer sich ausbreitet, solange, bis die Frau den kleinen Prinzen einatmet.
Wenn das so weiter geht, fragt sich der besorgte Leser, dann … Doch der Mann kommt wieder und die Stille zwischen den Tönen setzt ein, weil die Katze im Schallloch der Gitarre des Mannes etwas gehört hat. Was ist das nur für eine abstruse Alltagslogik, in der die Müdigkeit sich auf den Tisch legt, Füße sich in Seismographen verwandeln, Ameisen die Gestalt von Soldaten annehmen? Wenn selbst unschuldige Kinder davon betroffen sind, dann ist es höchste Zeit einzugreifen. Ratschläge kann uns, wie die Autorin versichert, der der Schweizer Aphoristiker Bachnonga geben. Die erste Kindheit sei verzwiebelt, die zweite versteinert, sagt der und sofort begreift auch der Rezensent die wundervolle Welt der Kinder. Dort fällt nicht nur die Sonne ins Meer sondern auch in die Augen der lieben Kleinen, und die Prinzessin mit der Gänseblümchenkrone erstarrt um Mitternacht und hört auf zu schielen. Genug mit solchen Albernheiten, sagte sich die Autorin und widmet ihr Finale den großen kosmischen Prozessen und der Politik, wie zum Beispiel dem Gespräch über die Europadecke, das mit der folgerichtigen Behauptung einsetzt, dass Europa mit und ohne Stier zu denken sei, weil die Europadecke viele Falten hat und niemand unter die Decke schaut. Und: alles wird wieder logisch sein, wenn die zwölf singenden Mönche in der Klausur den Himmel in ihren Kehlen wieder entdecken könnten.
Und was fällt dem Rezensenten nach der Lektüre dieser köstlichen Miniaturen ein? Vergleicht er sie mit den albernen, kunstvoll präparierten Szenerien eines Loriots, der auf der Couch sitzend die komischen Phänomene des Alltags mimisch, gestisch und epigrammhaft zu erfassen versucht? Ursula Teicher-Maier überschreitet mit ihren – allerdings nicht immer – pointierten Schlussfolgerungen die Grenzen der rätselhaften Alltagserfahrungen, indem sie die Dinge den Wahrnehmungen der handelnden Personen entzieht und sie gleichzeitig aus den Sphären des Unbewussten zurückholt, ohne beim Leser/Hörer ein befreiendes Aha auszulösen. Stattdessen setzt ein zögerndes Lachen ein, das sich nach mehr solcher auf den wackelnden Punkt gebrachten Geschichten sehnt.

 

 

 

Das Reiben der Vögel an Mozart, Gedichte, Horlemann Verlag
Kritik auf fixpoetry.com

Leseprobe:

Erdrutsch

Es ist dieses halbe Haus das stehen blieb was
Uns erschüttert die angebrochenen Tage in seinen Wolken

Gardinen die perforierten Nächte hinter der Jalousie
Es erinnert uns an die Schweißausbrüche beim Erwachen

Aus einem jener Alpträume die nichts mit uns zu tun haben
Nur dass wir die ewigen Sünder sind die das alles im Stillen

Verdient haben diese uns wieder und wieder verschlingende Erde
Zum Beispiel oder das Feuer das uns längst niedergebrannt hat

Wir gehen nicht mehr gerne schlafen wir lassen den Mond
Im Zimmer an doch die Dunkelheit kommt aus der Stirn

Du liest Hölderlins Hälfte des Lebens ich
Die Todesannoncen und ich frage mich wie lange

Ein Haus aus zerbrochenen Träumen immer wieder hinabstürzen
Muss bis die Erde endlich den Schatten des Himmels halbiert hat

Aus dem Fenster, Gedichte, deutsch-polnisch, übertragen von Małgorzata Płoszewska, Ars pro Memoria

AUS DEM FENSTER