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Albert Einstein sagte einmal, Phantasie sei wichtiger als Wissen. Wissen sei begrenzt, Phantasie aber umfasse die ganze Welt.
Liegt es an der Luft, die vom 55 Kilometer entfernten Atlantik herüberweht? Die Stadt Nantes im Mündungsgebiet der Loire scheint bei ihren Bewohnern die Phantasie anzuregen. So zum Beispiel bei Jules Verne, der in Nantes als Sohn einer Reederstochter und eines Anwaltes aufwuchs und eigentlich schon mit zehn Jahren auf einem Schiff in die große weite Welt abhauen wollte. Die Ausgeburten seiner Fantasie sind jungen Lesern in der ganzen Welt lieb und teuer geworden. Wer möchte, kann sich in Nantes auf seinen Spuren bewegen und im Jules-Verne-Museum mehr über den Dichter erfahren.
Interessant sind aber auch seine geistigen Nachfahren François Dalarozière und Pierre Orefice, die „La Machine“ gegründet haben, einen Zusammenschluss von Künstlern, Handwerkern und Ingenieuren. Seit 1991 bauen diese auf der von zwei Loire-Armen umschlossenen „Ile de Nantes“ an versponnenen Riesenobjekten. Einige davon sind fertig, beim Bau der anderen kann man in den großen Ateliers zusehen. Da ist zum Beispiel „Le Grand Eléphant“, ein zwölf Meter hohes und 40 Tonnen schweres Ungetüm aus Stahl und Pappelholz, das wie ein Elefant schreitet, trompetet und mit dem Rüssel Wasserschwaden ins Publikum spritzt. 45 Personen können auf dem Koloss gemütlich über die Ile de Nantes reiten und sich dabei ein wenig wie Jules Vernes Romanfiguren fühlen, die sich in allerlei possierlichem Gefährt in und um die Erde bewegen. Fertig ist auch „La Princesse“, die Riesenspinne, die bereits bis nach Liverpool reiste. Im Bau sind die „Unterwasserwelten“, ein 25 Meter hohes Karussell mit skurrilen Meereskreaturen. Für 2011 ist ein überdimensionaler „Reiherbaum“ geplant. Einen Ast davon kann man jetzt schon besteigen. Allen Maschinen gemeinsam sind ein seltsam entrücktes, manieriertes Aussehen und ihre Zweckfreiheit.

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Das ganze Unternehmen gehört zum ehrgeizigen Plan der Stadt, die Ile zu einem urbanen Zentrum von Nantes zu machen. Ende der 80-er Jahre stürzte Nantes mit dem Niedergang seiner bedeutenden Werften in eine Krise. Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg und die höchste Alkoholiker-Quote Frankreichs waren die Folge. Doch mit Hilfe aus Paris und viel Phantasie wurde die alte Hauptstadt der Bretagne langsam wieder ein kulturelles Zentrum der Region. Seit 2000 wird die Ile unter dem Architekten Alexandre Chemetoff und dem Landschaftsgestalter Jean Louis Berthomieu um- und ausgebaut. Die alten Werkstätten der Werften sind zu überdachten Passagen geworden, der ehemalige „Bananenhangar“ beherbergt nun eine Galerie für zeitgenössische Kunst, Restaurants und Cafés. Im September 2009 soll ein Kreativbereich für aktuelle Musik und zeitgenössische Kunstformen fertig gestellt sein. Die sechstgrößte Stadt Frankreichs mausert sich heute zu einem touristischen Ziel. Ausdruck dessen ist zum Beispiel der Bau eines Luxushotels im alten Justizpalast.

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Ein Ausdruck der Phantasie früherer Zeit, nämlich des 19. Jahrhunderts, ist die Einkaufspassage „Pommeraye“. Die drei Galerien, die von den Architekten Buron und Gasselin barockhaft verspielt gestaltet wurden, laden zum Stadtbummel auf hohem Niveau ein. Ebenso die prächtig gestalteten Chocolaterien und Boutiquen in den Straßen ringsum. Und ganz am Ende jenes Jahrhunderts, im April 1895, wurde „La Cigale“ eröffnet. In der beeindruckenden Jugendstil-Brasserie treffen sich Künstler und die Schauspieler des Théâtre Graslin, gerade gegenüber. Von Jean-Louis Trintignant wurde sie als die schönste Brasserie der Welt betitelt. Dem Namen entsprechend, findet man in den von der Decke bis zum Fußboden mit Intarsien, Fresken und Mosaiken ausgestatteten Räumen, immer wieder Abbildungen von Zikaden. 1961 wurde hier der Film „Lola“ gedreht.

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Auch im Schloss der Herzöge der Bretagne, dessen Bau im 15. Jahrhundert begann, zeigt sich heute die Phantasie der Nanteser. Im multimedial ausgestatteten städtischen Museum wird die Geschichte der Stadt kurzweilig präsentiert. Ein Beispiel dafür ist die Installation Piercick Sorin, ein Laufband mit Szenen der Stadtgeschichte, auf dem alle Personen nur vom Künstler selbst dargestellt werden. Für die nächtliche Lichtinstallation am Schloss wurde die Stadt mit dem europäischen Preis „Lumiville“ 2007 ausgezeichnet.

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Ob beim Gang durch das ehemalige Sklavenhändler-Viertel der Stadt, beim Bummel durch die Altstadt oder in einem der Szene-Restaurants hier und auf der Ile de Nantes, immer erinnert einen die Stadt an Albert Camus Gedanken, die Phantasie tröste die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein könnten.

Ursula Teicher-Maier

 

Informationen:
Der Flughafen von Nantes (Nantes-Atlantique NTE) wird von einigen Fluglinien angeflogen.
Office de Tourisme: Tel 33 272 640 479, www.nantes-tourisme.com
Das Klima ist im Winter feucht und relativ mild. Jahresdurchschnitt: 11,9 °, in den Wintermonaten deutlich über 0°.