Wovon wir erzählen, ist vor allem jenes Land, das in uns und aus uns schaut.

Das Championnat de Bretagne des sonneurs in Gourin

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Meine erste Begegnung mit ihnen findet in einer Kirche statt. Kirchen sind geschlossene Räume, die bekanntlich den Schall bis in die äußersten Winkel leiten. Die Rede ist von der bretonischen Schalmei Bombarde und dem bretonischen Dudelsack Biniou, von zwei Instrumenten, die offenbar für den Einsatz im Freien konstruiert wurden. Sie werden von vier der Besten gespielt, von Fabrice Lothode, Josik Allot, André Le Ment und Damien Mattheysses. Und während die Musiker wie bei einer Prozession durch die Kirche ziehen, halte ich auf der harten Bank aus, bis die Alarmglocken im Innenohr nicht mehr aufhören zu schrillen.
Die Kirche ist die von Gourin, einem normalen Städtchen im Département Morbihan mitten in der Bretagne, so normal, dass es in einigen Reiseführern nicht einmal im Register zu finden ist. Und dies wäre auch gut so, wenn hier nicht an jedem ersten September-Wochenende der Wettbewerb in traditioneller bretonischer Musik Championnat de Bretagne des sonneurs stattfände.
Zur Zeit beschäftigen sich 20.000 bis 25.000 der drei Millionen Einwohner der Bretagne intensiv mit ihrer Volksmusik, erlernen in unzähligen Musikschulen das Spiel von Bombarde, Biniou, Violine und Akkordeon, üben den Wechselgesang Kan ha diskan und die Klagelieder, die Gwerzioù. Oder sie tanzen die bretonischen Kreis- und Reihentänze.
Die bretonische Volksmusik wird dem inselkeltischen Bereich zugeordnet, hat jedoch eine eigenständige Tradition, die seit den siebziger Jahren wieder intensiv gepflegt wird. Die Vermischung mit bretonischer Sprache, keltischer Mystik und angelsächsischem Folk-Rock machte sie für viele Bretonen identitätsstiftend. Dass wahre Massen sich für diesen keltischen Cocktail interessieren, zeigt zum Beispiel die Besucherzahl beim Festival Interceltique von Lorient. 650.000 Menschen werden hier in der Regel erwartet. Beim Festival de Cornouaille in Quimper, wo sich die Bagadoú, die bretonischen Orchester nach Art der schottischen Pipebands, immer im Juli begegnen, sind es 250.000. Und diese Veranstaltung wird im Internet darüber hinaus von 100.000 Interessierten verfolgt.
Doch zurück nach Gourin. Das Festival, das hier jedes Jahr stattfindet, nimmt sich neben anderen eher bescheiden aus. Etwa 15.000 Besucher finden sich ein. Reizvoll ist allerdings, dass das Publikum fast ausschließlich vom Fach ist. Und so ist es nicht ausgeschlossen, dass man an der Bar mit bretonischen Musik-Stars wie Jean Baron oder Roland Becker ins Gespräch kommt. Davon später.
In der voll besetzten Kirche Saint Pierre et Saint Paul gibt die Bombarde eine Melodie vor, während der Dudelsack sie begleitet. Dann wiederholt er die Melodie eine Oktave höher, variiert sie, und die Bombarde greift die Variante auf. Im Publikum fällt mir eine Frau mit verwegener Schirmmütze auf. Sie lauscht der rhythmischen Musik mit dem ganzen Körper; sie tanzt förmlich auf ihrem Platz. Ich werde sie am nächsten Tag wieder sehen, und sie wird tanzen wie das Mädchen in den roten Schuhen. Auch viele andere der Konzertbesucher sehe ich am nächsten Morgen im weitläufigen Park des Château de Tronjoly, einem Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, welches Standort des Wettbewerbs ist.
Dieser fängt klein an. Zu Beginn treten die Jüngsten auf, und wer, wie ich, früh kommt, sieht und hört sie vor allem überall in dem weitläufigen Parkgelände üben. Die markerschütternden Klänge des Dudelsacks und die das Trommelfell in höchste Schwingung versetzende, meist wie dieser pentatonisch gespielte Bombarde gehören hierhin - zwischen Bäume und Gebüsch.

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Sie können einem leid tun, die Prüflinge, die paarweise antreten (und auch paarweise untergehen), denn die Jury lässt sich von den unter zwanzig Jahre alten Prüflingen, die mit roten, aufgeblasenen Backen konzentriert ihr Spiel vortragen, kein Lächeln abringen. Diese sind immerhin keine Anfänger. Wer in Gourin antritt, hat die Wettbewerbe in einem der dreizehn Landstriche, aus denen die Musiker anreisen, zuvor gewonnen. Die Jury schaut unbestechlich auf die Bühne. Die beiden Instrumente, Bombarde und bretonischer (oder schottischer) Dudelsack, müssen zusammenklingen wie ein einziges. (Der bretonische Dudelsack ist kleiner als der schottische und im Bordun eine Oktave höher.)
Die Bühne der Jüngsten ist eine von vier im Park aufgestellten. Sie befindet sich in der Nähe der Bar, an der ein Teil des noch spärlichen Publikums einer der bretonischen Lieblingsbeschäftigungen frönt, während die Morgensonne Gräser, Büsche und einen verwunschenen Teich lackiert.
Wer keine Lust mehr hat, zuzuhören, findet im Schloss Tronjoly mehrere Ausstellungen zur Geschichte des Wettbewerbs und zur keltischen Kultur. Das Championnat feiert in diesem Jahr sein fünfzigjähriges Bestehen, und einige der früheren Gewinner des Wettbewerbs sind heute Bestandteil der internationalen keltischen Musikszene, so zum Beispiel Alan Stivell, der die Harfe in der bretonischen Musik salonfähig machte. Ein Raum des Schlosses wird von Sagen-Erzählern in Beschlag genommen, in einem anderen wird „keltisches“ Kunsthandwerk gezeigt. Die in der Bretagne obligatorischen Darstellungen von Feen und legendären Druiden fehlen auch hier nicht. Eine Kantine bietet preiswerte Menüs an.
Am Nachmittag treten Familienmitglieder aus zwei aufeinander folgenden Generationen zum Wettbwerb an. Zur selben Zeit ist das so genannte Duo libre an der Reihe. Jeweils zwei Spieler anderer Instrumente, wie Akkordeon, Gitarre, Geige, Saxophon etc., tragen zum Teil eigene Kompositionen vor. Die drei ersten Paare werden am nächsten Tag gegen die Gewinner der letzten Jahre antreten. Auf diese Weise bleibt der Wettbewerb lebendig; niemand ruht sich lange auf seinen Lorbeeren aus. Das Duo libre gibt es erst seit dem Jahr 2000. Dies ist ein Anzeichen dafür, dass sich der Wettbewerb in den letzten Jahren modernisiert. Jazz- Pop- und andere Elemente sind in der Musik willkommen. Allerdings müssen die gespielten Stücke tanzbar sein. Dies erzählt mir Jean Baron, der zehn Jahre in Gourin Champion war und nun selbst in der Jury sitzt, an der Bar. Die keltische Tradition müsse erkennbar sein. Die bretonischen Rhythmen haben Namen wie An Dro, Pache Pi, Hanter Dro und besitzen Viervierteltakt, manchmal Sechsachteltakt, oder sie alternieren zwischen Sechser- und Vierertakten. Ein Kelte, sagt Jean Baron, der sich selbst als solchen bezeichnet und äußerlich auch dem Klischee entspricht, sei ein Mensch, der mit sich im Einklang lebe. So gesehen, könne jeder ein Kelte werden, auch ich.
Eine solche Wahl-Keltin lerne ich während des Festivals kennen. Sie heißt Gwenn Oster, ist 28 Jahre alt und Deutsche mit einem bretonischen Vater. Sie lebt seit acht Jahren in Gourin und unterrichtet in einer der Diwan-Schulen, die auf Bretonisch lehren, Deutsch. Die kleine drahtige Frau nimmt an Radrennen teil und hat an einem bretonisch-deutschen Wörterbuch mitgearbeitet, das sie mir stolz präsentiert. Auch sie macht in ihrer Freizeit bretonische Volksmusik, jedoch nicht in der obersten Liga, wie die Teilnehmer am Festival. Sie habe sich für ein Leben in der Bretagne entschieden, weil man hier mehr Luft zum Atmen habe, und dies meint sie auch im übertragenen Sinne. Wer hier lebt, sagt sie, braucht wenig Geld, denn Äußerlichkeiten zählen hier nichts. Und wenn ich mich umschaue, muss ich ihr recht geben. Sowohl das Publikum, als auch die Teilnehmer des Championnats sind vorwiegend mit Shirts und bequemen Hosen bekleidet, Gesundheitsschuhe überwiegen. Und wie sich herausstellt, werden diese auch gebraucht: Bei den bretonischen Tänzen wird kräftig auf den Boden gestampft. Die Deutsche Catherine Grill, die ebenfalls in der Bretagne lebt, erzählt mir, dass sich beim Bau von Häusern der ganze Ort zu einem Fest-Noz (bretonisch, nächtliches Fest) einfinde, um beim Tanzen den Boden glatt zu stampfen.
Ein Fest-Noz im größeren der beiden Festzelte beendet den Tag. Die Musikgruppe Skolvan spielt zum Tanz auf, und Hunderte stampfen in großen Kreisen und Ketten den Rhythmus. Einige wenige Touristen ordnen sich in die Reihen ein und versuchen, die schwierigen Schritte mitzutanzen. Niemand schaut ihnen auf die Füße, niemand lächelt, alle sind auf sich selbst und den Rhythmus konzentriert. Es tanzen vorwiegend die mittlere und die ältere Generation. Vor dem Zelt halten sich Gruppen von Teenys auf, schäkern, trinken und rauchen bisweilen streng riechenden Tabak.
Am Sonntag findet der Hauptteil des Wettbewerbs statt, dies wird schon deutlich, als ich auf den tags zuvor spärlich benutzten Parkplatz fahre. Heute weisen mich Ordner ein. Im Park tummeln sich Tausende von Menschen. Man eilt zwischen den Wettbewerben hin und her. Vor dem Schloss werden Bombarde und Dudelsack im Gehen gespielt. Dies nennt sich Marche und ist Teil des Auftritts der Teilnehmer. In einem Pavillon überprüft eine Tanzgruppe vor den gestrengen Blicken der Jury die Tanzbarkeit vorgetragener Stücke, im Park proben Trachtengruppen ihre Darbietung, auf einer der Bühnen wird Bretonisch gesungen. An der Bar, in der Kantine und vor dem CD-Verkaufsstand steht man Schlange. Es ist unmöglich, alles zu sehen, also lasse ich mich treiben, folge hier einem Menschenstrom, setze mich da ein wenig ins Gras und lausche. Um mich herum haben sich ganze Familien wie zu einem großen Picknick niedergelassen. Wer einen Stuhl ergattert hat, gibt ihn nicht wieder her. Alle scheinen guter Dinge zu sein. Und auch das Wetter meint es gut mit uns. Der tags zuvor angekündigte, sprichwörtliche bretonische Regen ist ausgeblieben.
Eine Menschenmenge findet sich vor der Bühne ein, auf der soeben noch gesungen wurde. Eine Band baut die Instrumente auf. Regis Huiban und Roland Becker, die Vorjahressieger im Duo libre, werden die Attraktion des Nachmittags werden. Doch zuvor müssen sie noch einmal vor die Jury treten. Sie werden diesmal nur zweite sein. Doch das Spiel geht weiter.
Die beiden Vollblutmusiker zeigten sich in ihrer bisherigen Karriere sowohl der Tradition, als auch der Moderne verpflichtet. Der Saxophonist und Ethnomusikologe Roland Becker (Jahrgang 1957) erwarb sich (gemeinsam mit Laure Le Gurun) Verdienste mit einem auch für Laien verständlichen Nachschlagewerk zur bretonischen Musik. Es erläutert sowohl die bretonische Musiktheorie, als auch Instrumentenkunde und neue Strömungen in der bretonischen Musik. Regis Huiban (Jahrgang 1974) spielt Akkordeon. 1997 begegnete er Roland Becker, mit dem er im Duo Kof a Kof auftrat und entdeckte den Jazz für sich. Er integriert die Lieder alter bretonischer Sänger in seine Musik. Sie werden von der Assoziation Dastum, die ihren Sitz in Rennes hat, seit vielen Jahren gesammelt und auf CD gebrannt. Diese Gesellschaft wurde 1972 zum Erhalt nur mündlich tradierten bretonischen Kulturguts, insbesondere der Musik, gegründet. 27.000 Text- und Photo-Manuskripte und über 50.000 Lieder hat man dort bereits vor dem Vergessen gerettet. Regis Huiban hört sich in den Archiven oder auch bei den noch lebenden Sängern selbst diese Lieder an, variiert sie, improvisiert dazu und blendet bisweilen Originaltöne ein. Er löst sich von den tradierten Rhythmen. Trotzdem bezeichnet er seine Arbeiten als traditionell. Wer dies überprüfen will, findet mit dem ausgezeichneten Album Sans Sommeil die Gelegenheit dazu.
Das Spannungsfeld, in dem die beiden Musiker arbeiten, ist vielleicht das Geheimnis des Erfolgs einer Musik, die so viele in ihren Bann zieht. Wenn man mit Jean Paul Musik als den „Seufzer des Engels in uns“ bezeichnet, ist diese ein lauter, lustvoller Seufzer. Ich nehme Abschied von einer Veranstaltung, die kreativ und lebendig war. Danach wird es stiller als zuvor um mich sein.

Ursula Teicher-Maier

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Informationen:
In Gourin gibt es nur ein Hotel und einen Campingplatz. Es ist also ratsam, mit weiteren Anfahrten zu rechnen.
Informationen über das nächste Championnat werden rechtzeitig eingesetzt.

 

Die folgenden fünf Seiten sind ein Auszug aus der Sammlung "Von der oder dem Algarve", 2009, Reiseskizzen und Fotos

Die Westküste der Algarve besteht aus steilen, dunklen Klippen und kleinen Buchten. Dort, wo Bäche ins Meer münden oder in Urzeiten einmal mündeten, finden sich auch Dünenlandschaften. So bei Carrapateira, wo wir durch die Ribeira da Bordeira waten müssen, um zum Strand zu gelangen.

Wenn wir an dieser schroffen Küste stehen und auf den Atlantik  schauen, setzen sich allmählich die Gedanken hin und beginnen dem Rauschen zu ähneln und der Geschwindigkeit von Steinen.

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In der Serra de Monchique, die wir auf holprigen Straßen mehrmals durchqueren, stehen am Straßenrand bisweilen Anhalter. Einmal nehmen wir einen alten Mann mit. Er hat das typische lückenhafte Gebiss der Landbevölkerung und eine lederne, sonnengegerbte Haut. Da wir seine Sprache nicht sprechen, nutzen wir die Grenzen überwindende Wirkung der Musik und schieben eine CD mit dem Lied der Nelkenrevolution, „Grândola, vila morena“, in den CD-Player unseres Leihwagens. Nach der ersten Strophe zeigt unser Mitfahrer fröhlich seine Zahnlücken und reicht mir die Hand. Dann schläft er auf dem Rücksitz bis zum Städtchen Monchique, wo er mir beim Aussteigen noch zweimal die Hand schüttelt. Und wir beide zerdrücken ein Tränchen im Augenwinkel – ob der Ungerechtigkeit auf der Welt und der geringen Chance, sie zu überwinden.

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Viele Häuser an der Algarve sind sehr schlicht, um nicht zu sagen ärmlich. Doch hier beherrscht man den Umgang mit Farbe. Und so werden aus billigen Baracken leuchtende Kleinodien. Wie unnachahmlich zum Beispiel dieses Rosa, an dem viele mitgearbeitet haben: der Wind, die Gischt, der seltene Regen. Und nicht zu vergessen die unbarmherzige Sonne, von einem Heiligen einst seltsamerweise Bruder genannt.

Doch die Lieblingshäuserfarbe der Algarvios ist wohl das schlichte Blau, das Menschen in den Wahnsinn treiben kann, so sehr, dass sie den Himmel signieren.

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Bisweilen lebt man in einem Bild. Und man hofft, nie an den Rahmen zu stoßen, weil es so schön ist. Solch ein Eidyllion finden wir immer wieder an den Bächen und kleinen Flüssen im Hinterland der Algarve. Anders als die verpesteten großen Flüsse sind diese sauber und spiegeln nichts als Gebüsch und den Himmel und manchmal das Gesicht des Narziss’. Und weh weh flüstert Echo, während wir durch die Jahrhunderte zu unserem Auto zurückkehren.

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Im Hafen von Olhão werden Sardinen verarbeitet, und so eng wie inner Sardinenbüchse ist es auch in den Gassen der Altstadt, die wie nHaufen Würfel an der Lagune liegt. Dort sind auch die beiden quirligen Markthallen und jede Menge Cafés und Fischrestaurants, und Schwärme von Möwen künden die einlaufenden Kutter an. Um die aus der Nähe zu sehen, muss man zum großen Hafenbecken fahren, das aber keen bisschen pittoresk ist und schrecklich nach Arbeit aussieht, also eigentlich nichts für Touristen ist, wenn man nicht mal nem Netzflicker über die Schulter sehn und eines der ältesten Handwerke lernen will oder Poseidon nen Flossengruß schicken oder auf ne hübsche Nixe warten will oder den Geruch verwesender Sardinenreste liebt. Wir grüßen in Olhão auch unsre liebe Frau vom Rosenkranz und bestaunen die Votivbeinchen und Ärmchen und Köpfchen aus Plaste bei ihr um die Ecke.

Fischer beim Netze Flicken