Die folgenden fünf Seiten sind ein Auszug aus der Sammlung "Von der oder dem Algarve", 2009, Reiseskizzen und Fotos

Die Westküste der Algarve besteht aus steilen, dunklen Klippen und kleinen Buchten. Dort, wo Bäche ins Meer münden oder in Urzeiten einmal mündeten, finden sich auch Dünenlandschaften. So bei Carrapateira, wo wir durch die Ribeira da Bordeira waten müssen, um zum Strand zu gelangen.

Wenn wir an dieser schroffen Küste stehen und auf den Atlantik  schauen, setzen sich allmählich die Gedanken hin und beginnen dem Rauschen zu ähneln und der Geschwindigkeit von Steinen.

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In der Serra de Monchique, die wir auf holprigen Straßen mehrmals durchqueren, stehen am Straßenrand bisweilen Anhalter. Einmal nehmen wir einen alten Mann mit. Er hat das typische lückenhafte Gebiss der Landbevölkerung und eine lederne, sonnengegerbte Haut. Da wir seine Sprache nicht sprechen, nutzen wir die Grenzen überwindende Wirkung der Musik und schieben eine CD mit dem Lied der Nelkenrevolution, „Grândola, vila morena“, in den CD-Player unseres Leihwagens. Nach der ersten Strophe zeigt unser Mitfahrer fröhlich seine Zahnlücken und reicht mir die Hand. Dann schläft er auf dem Rücksitz bis zum Städtchen Monchique, wo er mir beim Aussteigen noch zweimal die Hand schüttelt. Und wir beide zerdrücken ein Tränchen im Augenwinkel – ob der Ungerechtigkeit auf der Welt und der geringen Chance, sie zu überwinden.

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Viele Häuser an der Algarve sind sehr schlicht, um nicht zu sagen ärmlich. Doch hier beherrscht man den Umgang mit Farbe. Und so werden aus billigen Baracken leuchtende Kleinodien. Wie unnachahmlich zum Beispiel dieses Rosa, an dem viele mitgearbeitet haben: der Wind, die Gischt, der seltene Regen. Und nicht zu vergessen die unbarmherzige Sonne, von einem Heiligen einst seltsamerweise Bruder genannt.

Doch die Lieblingshäuserfarbe der Algarvios ist wohl das schlichte Blau, das Menschen in den Wahnsinn treiben kann, so sehr, dass sie den Himmel signieren.

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Bisweilen lebt man in einem Bild. Und man hofft, nie an den Rahmen zu stoßen, weil es so schön ist. Solch ein Eidyllion finden wir immer wieder an den Bächen und kleinen Flüssen im Hinterland der Algarve. Anders als die verpesteten großen Flüsse sind diese sauber und spiegeln nichts als Gebüsch und den Himmel und manchmal das Gesicht des Narziss’. Und weh weh flüstert Echo, während wir durch die Jahrhunderte zu unserem Auto zurückkehren.

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Im Hafen von Olhão werden Sardinen verarbeitet, und so eng wie inner Sardinenbüchse ist es auch in den Gassen der Altstadt, die wie nHaufen Würfel an der Lagune liegt. Dort sind auch die beiden quirligen Markthallen und jede Menge Cafés und Fischrestaurants, und Schwärme von Möwen künden die einlaufenden Kutter an. Um die aus der Nähe zu sehen, muss man zum großen Hafenbecken fahren, das aber keen bisschen pittoresk ist und schrecklich nach Arbeit aussieht, also eigentlich nichts für Touristen ist, wenn man nicht mal nem Netzflicker über die Schulter sehn und eines der ältesten Handwerke lernen will oder Poseidon nen Flossengruß schicken oder auf ne hübsche Nixe warten will oder den Geruch verwesender Sardinenreste liebt. Wir grüßen in Olhão auch unsre liebe Frau vom Rosenkranz und bestaunen die Votivbeinchen und Ärmchen und Köpfchen aus Plaste bei ihr um die Ecke.

Fischer beim Netze Flicken